Die Besonderheiten eines guten, eines lesenswerten Reiseberichts erkennt der Interessierte am Verve des Geschriebenen. Das Fremde sollte vom Autor nicht oberflächlich erlebt worden sein. Sonst bleibt es auch für den Leser fremd, dann kann es seinen womöglichen Charme nicht entfalten. Um dem Leser die andere Welt darzulegen, benötigt es eines wachsamen Auges und einer differenzierten Ausdrucksweise. Doch die fundamentale Bedingung lautet Zeit.
Graham Greene lebte beispielsweise länger in Saigon, um seinen „Stillen Amerikaner“ zu schreiben. Und auch die Hauptfigur Thomas Fowler ist zwar nur eine Romanfigur, doch auch diese zeigt die Notwendigkeit, die einen guten Berichterstatter ausmacht. Er lebt in der Stadt, um von ihr zu berichten. Als Korrespondent beschreibt Fowler die unruhige Zeit des französischen Kolonialkrieges. Ein kurzer Aufenthalt genügt nicht um einzutauchen, die Geheimnisse zu entdecken, die Gesellschaft zu erleben oder gar die Wirklichkeit zu erfassen. Weder für einen Romanautor, noch für einen Korrespondenten.
Eine andere Art der Berichterstattung hat beispielsweise Christian Kracht ein halbes Jahrhundert später zelebriert. Er lebte dafür in Indien und Bangkok. In meinem Beispiel geht es weniger um Krachts politische oder wirtschaftliche Berichterstattung, sonder um sein Kunststück, durch alltägliche Besonderheiten ungemein viel der fremden Gesellschaft und Kultur aufzuzeigen. Seine kurzweiligen, unterhaltsamen Berichte aus Japan, Bangkok oder Singapur erheitern auch heute noch. Der Leser muß aufpassen, um nicht laut prustend vom Stuhl zu fallen. Sie wirken oberflächlich, aber nur auf den ersten Blick. Sein Humor ist kein aufdringlicher, kein herablassender. Mit Gespür für die kleinen Ungereimtheiten im Alltag verschiedener Kulturen erzählt er Anekdoten, die dem Leser die fremden Kulturen begreiflich machen. Kritik formuliert er nie banal. Seine Kritik trifft punktgenau durch die Detailfülle, die beweist, dass Kracht weiß, wovon er schreibt. Gesammelt findet man seine Kurzgeschichten in „Der gelbe Bleistift“. Heute würde man sie wohl in einem Blog der Tageszeitungen finden. Damals wurden sie noch klassisch in der Welt am Sonntag gedruckt.
Fast allen Korrespondenten gemein ist die Erfahrung, die aus ihren Texten spricht. Natürlich erzählen auch einige puren Unsinn. Sie plakatieren falsche Zusammenhänge, bewerten Entwicklungen falsch. Doch zumeist wird ersichtlich, dass ihre Meinungen auf mehreren Erlebnissen basieren.
Das nebulöse Web 2.0 hat nun eine neue, eine seltsame Fraktion der Berichterstatter hervorgebracht. Jeder zweite Reisewillige nutzt ein Blog, um sein Erlebtes zu dokumentieren und einer interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren. Viele „Backpacker“ glauben die Welt, die Länder, die Gesellschaften, die sie in kürzester Zeit besucht haben, zu verstehen. Im Web 2.0 lassen sie sich schnell hinreißen, einen oberflächlichen Beitrag zu veröffentlichen. Doch Reisebereitschaft allein prädestiniert nun mal nicht zum kompetenten Berichterstatter. Wer innerhalb von sechs Wochen vier Länder durchreist, hat ähnlich viel Ahnung und Wissen angehäuft, wie der Schwabe, der zwei Wochen auf den Kanaren weilte, über Spanien. Da nehme ich mich nicht raus.
Es liegt mir nun fern, Blogger, die ihr privates Tagebuch führen, einen Vorwurf zu machen. Ein solches kann schlimmstenfalls trivial sein, dass soll jedem selbst überlassen sein. Doch von einem Blogger, der für eine renommierte Tageszeitung schreibt, erwarte ich die inhaltliche und stilistische Abgrenzung vom Einheitsbrei des Internets. Aber es zeigt sich, dass eine „mehrmonatige Auszeit gönnen“ Qualifikation genug zu sein scheint, bei der FTD über fremde Länder zu berichten. Wenn der besagte Blogger über „Abgasglocken“, „stinkenden Verkehr“ und „zerfallenden Villen“ in Hanoi berichtet, möchte ich ihm raten, bei seiner nächsten Station der Reise länger zu rasten, um mehr vom Darstellungsobjekt zu erfahren. Ich möchte ihm raten, sich mal außerhalb der touristischen Altstadt zu bewegen, sich mit einem Fahrrad auf den Weg zum Westlake, vorbei an beeindruckenden Villen zu begeben, mit einem Buch den Nachmittag in einem der zahlreichen Parks zu verbringen, in den kleinen Seitenstrassen um die Oper herum die vietnamesische Wirklichkeit bei einem vorzüglichen Kaffee und Stück Kuchen wirken zu lassen.
Natürlich ist ein Blog etwas hastiges. Der Reiz liegt auch darin, das Erlebte spontan und ohne Reflexion zu verschriftlichen. Die Gefahr liegt jedoch in der verzerrten Darstellung. Wenn ich etwas über ein fremdes Land erfahren möchte, interessiert nicht die überhastete Bewertung nach einigen Tagen, die auch noch künstlich humorvoll dargelegt wird.
Wie Humor, sensible Detailtreue und Empathie zu einem Spiegelbild der Wirklichkeit verschmelzen können, zeigt Graham Green im „Stillen Amerikaner“ oder eben Christian Kracht. Nahezu jeder Korrespondent oder Berichterstatter weiß um die Bedeutung der Zeit, die er benötigt, um „authentisch“ zu informieren. Vermischt er zunächst für sich neues mit dem übereilten Wunsch, dieses zu veröffentlichen, kommt dabei ein oberflächlicher, die Realität verkennender Bericht wie dieser in der FTD heraus. Und das ist schade, denn der Autor würde sich über seine eigenen Einträge garantiert ärgern, würde er etwas länger in dieser erstaunlich schönen Stadt leben.



Ein Kommentar
Der gelbe Bleistift darf natürlich in keiner Reisebibliothek fehlen! Kracht ist sowieso unterschätz - JA, das meine ich ernst.