Jürgen Rüttgers, “Gott” und Moral

Einen interessanten Hinweis auf das Menschenbild und das Freiheitsverständnis der Christdemokraten liefert uns zur Weihnachtszeit Jürgen Rüttgers:

Eine Gesellschaft ohne Werte funktioniert nicht. Unser Grundgesetz lebt von Werten, die die Verfassung selbst nicht vorgeben kann. Werte haben immer etwas mit Religion oder mit Gott zu tun, weil sie nur so legitimiert sind. Ohne diesen Bezug wären Werte nur eine formale, blutleere Verabredung von Spielregeln.

Gott sei schon allein deshalb für die Menschheit existenziell notwendig, damit sich der Mensch nicht zum Maß aller Dinge mache. “Unsere geschichtliche Erfahrung ist so, dass immer dann Menschen unterdrückt und ermordet wurden, und die Gesellschaft zutiefst inhuman wurde, wenn sich Menschen vergöttlicht habe.

So ziemlich alles, was die Aufklärung hervorgebracht hat, wird von Rüttgers in diesen knappen Sätzen (im Jahre 2007!) konsequent ignoriert. Der Mensch (und damit menschliches Leben und Freiheit) ist DER absolute und höchste Wert, da durch den Menschen bestimmt und abgeleitet wird, was von Wert ist und was nicht. Werte können somit nur nach objektiven Maßstäben der Vernunft bestimmt werden. Damit kann alles Wissen, alles an Erkenntnissen (und alle Werte) nur im Menschen (und seiner Vernunft) selbst seinen Ursprung haben - und nicht in irgendwelchen spirituellen Autoritäten (”Gott” etc.).

12 Kommentare

  1. Di, 25. Dez 2007 geschrieben in 09:57 | Permalink

    Das ist etwas zu kurz gegriffen.

    Das Postulat, der Mensch sei das Mass, ist bereits von der Religion vorgeben, zwar nicht von allen, aber eindeutig vom Judentum und vom Christentum:

    “Wer auch nur ein Menschenleben rettet, so ist es, als rette er die ganze Welt.” (Talmud)

    “Was ihr dem geringsten meiner Brueder tut, das ist, als haettet ihr es mir getan.” (NT)

    Aus dem Gedaechtnis zitiert, daher wahrscheinlich ungenau.

    Die Aufklaerung hat das nur uebernommen und es war in atheistischen Ideologien moeglich, das Postulat zu aendern…

  2. Constantin
    Di, 25. Dez 2007 geschrieben in 13:00 | Permalink

    Hallo beer7,

    Hinweise auf den Menschen (und sein Leben) als absoluten Maßstab habe ich beim Christentum und Judentum nicht finden können (ich lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen). Es gibt kein Postulat, welches menschliches Leben als verbrieftes moralisches Recht ausweist, sondern nur als willkürliches Gnadengeschenk oder Belohnung (für “gottes”-fürchtiges Verhalten). So z.B. im 1. Buch Mose, wo es Abraham von Gott gestattet wird, seinen Sohn nicht zu opfern (es wird Abraham aber nicht verboten, seinen Sohn zu opfern). Im Gegenzug wird aber Massenmord als (ebenfalls willkürliche) Bestrafung für falsches Verhalten ausdrücklich empfohlen (ohne dass, die “Falschheit” des Verhaltens näher begründet wird). Insofern bringt uns die bloße Aufzählung von Zitaten auch nicht weiter.

    Insofern teile ich deine Ansicht nicht, dass die Aufklärung religiöse Postulate nur “übernommen” hätte. Ob es “atheistischen” Ideologien möglich wurde, das Postulat zu ändern, halte ich für belanglos. Denn die Ab- oder Anwesenheit eines Gottes ist für Ideologien ja letztendlich völlig belanglos, weil bei Ideologien nur diesseitige Zielvorstellungen formuliert werden (weshalb viele orthodoxe Marxisten trotzdem religiös bleiben konnten und Adolf Hitler sich in “Mein Kampf” als “Vollstrecker göttlichen Willens” betrachten konnte).

  3. Di, 25. Dez 2007 geschrieben in 13:28 | Permalink

    Was ich oben zitiert habe, waeren keine Hinweise?

    Tatsaechlich gibt es kein absolutes Toetungsverbot: Das entsprechende Gebot heisst - richtig uebersetzt - Du sollst nicht morden.

    Im Judentum gilt, dass nur sehr wenige Gebote nicht uebertreten werden muessen, wo es um Menschenleben geht: Goetzenverehrung, Mord und Inzest. Alle anderen Gesetze muessen missachtet werden, wenn aus ihnen eine Gefahr fuer menschliches Leben oder Gesundheit erwachsen koennte.

    Da nach juedischer Tradition Izchak mit seiner Opferung einverstanden war, laesst sich diese Geschichte nicht als potentieller Mordfall konstruieren.

    Beihilfe zur Selbsttoetung ist in “aufgeklaerten” Kreisen nicht tabu, ebensowenig wie der Freitod. Oder irre ich mich da?

  4. Constantin
    Di, 25. Dez 2007 geschrieben in 16:06 | Permalink

    Die Zitate (ganz abgesehen davon, dass Einzelzitate grundsätzlich nur eine begrenzte Aussagekraft haben) sind “nur” subjektive Entscheidungsäußerungen(was die Aussagen dieser Zitate nicht schlechter, aber auch nicht besser macht). Die Aussagen der Zitate liefern aber damit - solange sie nicht rational begründet werden - keinen Hinweis auf objektive Wertmaßstäbe.

    Dass Izchak mit seiner Opferung einverstanden war, ist richtig. Das Einverständnis ändert aber nichts daran, ob diese beabsichtigte Tötung moralisch gerechtfertigt gewesen wäre oder nicht. Da ich mich mit dem Strafrecht der späten Bronzezeit nicht auskenne, kann ich es nur nach heutigen Rechtsnormen beurteilen: Wenn bei der Tötung eines Menschen ein Vorsatz vorliegt (wie in diesem Fall), dann betrachtet es das Strafrecht als Mord (da hierbei die Tötung an sich im Mittelpunkt des Tötens steht, liegen “niedere Beweggründe” vor). Wenn durch die vorsätzliche Tötung aus Sicht des Täters (und/oder auch des “Opfers”) darüber hinaus die Ehre (in diesem Sinne die Gottesfurcht) des Täters, des Opfers oder auch einer dritten Person oder Gruppe (wieder-)hergestellt werden soll, ist es in so einem konkreten Fall ein “Ehrenmord”. Auch das Einverständnis des Opfers ändert daran nichts (gerade in islamischen Kreisen wird bei Ehrenmorden ja oft darauf verwiesen, dass die Getöteten mit ihrer Tötung einverstanden wären).

    Dass Beihilfe zur Selbsttötung oder Freitod nicht tabu ist (und das nicht nur in “aufgeklärten Kreisen”) führt nicht zwangsläufig zum Schluss, dass es immer gerechtfertigt sein muss - sondern nur dann, wenn es moralisch geboten ist.

    Eine andere (ernstgemeinte Frage): Wo liegt bei Götzenverehrung oder Inzest das Problem?

  5. Di, 25. Dez 2007 geschrieben in 21:25 | Permalink

    naja, er sagt in meinem verständnis, dass eine freiheilich liberale gesellschaft anforderungen an individuen stellt, welche die rahmenordnung der gesellschaft nicht erfüllen kann und der mensch gefälligst mitzubringen hat. in den political sciences ist dieses problem hinreichend bekannt. boeckenfoerde teilt diese position. wie nun diese anforderungen an die menschen erfüllt werden ist doch das große problem. habermas in seinem post-metaphysical denken sagt, dass wir erstmals in der geschichte ohne gott in einer gesellschaft leben. er gibt aber zu, dass ethik aus der vernunft zu generieren ist eine sehr schwierige sache für die bürger. wer hat schon das potential gut zu sein und das nur wegen seiner vernunft? die lösung von ruettgers scheint mir plausubel.religion kann den menschen dazu animieren eine die anforderungen einer liberalen gesellschaft einzuhalten.

  6. Mi, 26. Dez 2007 geschrieben in 07:52 | Permalink

    Constantin,

    bei Inzest koennte ich mir vorstellen, dass das Trauma fuer die Beteiligten, die ihn unter Todesandrohung vollzoegen, so gross waere, dass von einem seelichen Mord gesprochen werden koennte.

    Goetzendienst - das wurde nie ganz durchgezogen. Waehrend der Verfolgung durch die span. Inquisition gaben immer wieder juedische Familien dem Druck nach und liessen sich taufen. Wenn sie danach dem Zwang entkommen konnte, kehrten sie haeufig zum Judentum zurueck und wurden von der juedischen Gemeinschaft auch wieder aufgenommen. Meines Wissens (muss das aber noch einmal ueberpruefen) stammt das Kol Nidre Gebet von Yom Kippur genau aus diesem Kontext, dass solche Schwuere als ungueltig definiert wurden.

    Eine ernst gemeinte Frage an Dich: Wie kann hergeleitet werden, wann Freitod bzw. Hilfe zur Selbsttoetung moralisch gerechtfertigt ist, wenn ohne jede Transzendenz argumentiert werden muss?

  7. Constantin
    Mi, 26. Dez 2007 geschrieben in 13:46 | Permalink

    @unnikuttan

    Das “Plausibilitätsproblem” bei Rüttgers sehe ich darin, dass er auf die Fragen (die er selbst aufgeworfen hat) keine Antwort geben kann:

    “Werte haben immer etwas mit Religion oder mit Gott zu tun, weil sie nur so legitimiert sind.”

    Was ist das “Etwas”? Und warum und wodurch werden sie “nur so” legitimiert?

    “Gott sei schon allein deshalb für die Menschheit existenziell notwendig, damit sich der Mensch nicht zum Maß aller Dinge mache.”

    Was spricht dagegen (und warum spricht es für ihn dagegen), dass sich der Mensch zum Maß aller Dinge macht? (solange es tatsächlich um “den Menschen” geht und nicht um einzelne “Führer” oder einzelne Gruppen, die in Anspruch nehmen, über allen andern zu stehen.)

    “Unsere geschichtliche Erfahrung ist so, dass immer dann Menschen unterdrückt und ermordet wurden, und die Gesellschaft zutiefst inhuman wurde, wenn sich Menschen vergöttlicht habe.”

    Rüttgers geht davon aus (ohne es konkret belegen zu können), dass es nur die Alternativen gibt 1. “übermenschlicher Gott” (=gut) oder 2. “menschliche Götter” (=böse). Was 2. mit Inhumanität, Unterdrückung und Mord zu tun haben soll, wird von ihm nicht näher erläutert - und die Betrachtung einer Alternative außerhalb seiner eigenen Dichotomie verweigert er (und ignoriert den Umstand, dass es Inumanität, Unterdrückung und Mord auch in gläubigen Gesellschaften gegeben hat - meistens in stärkerem Maße als in Gesellschaften mit “menschlichen Göttern”) - ganz abgesehen davon, dass er seine (aus nicht belegten historischen Erfahrungen) unterstellten Kausalitäten (ohne Gott = Mord etc.) nicht nachweist.

    Von einer “Lösung” kann bei Rüttgers also keine Rede sein.

  8. exblond
    Do, 27. Dez 2007 geschrieben in 19:35 | Permalink

    Wenn man von Werten spricht, impliziert man IMMER einen Bezug zu absoluten Werten, die eben nicht relativierbar sind. Wenn es aber etwas Absolutes gibt, dann weist dies immer auf etwas hinaus, was außerhalb uns liegt , auf etwas Absolutes.

    Der einzige mögliche Begründung für eine Moral ist, dass es absolute Werte gibt, die übergeordnet für alle Menschen gelten und potentiell von allen Menschen erkannt werden können, unabhängig von Religion und Bildung.

    Denn:
    Gibt es keine absoluten Werte, kommt es nur auf die Perspektive an, aus der heraus man über Werte urteilt (d.h. wertet). Dann aber ist jedes Urteil gleich berechtigt. Keiner dürfte andere für seine Taten moralisch verurteilen. Sobald man über einen Terroristen, Mörder, Nazi etc. denken, dieser handelt böse, sobald wir also eine Wertung vornehmen, sind wir schon außerhalb der Relativität, denn wir beziehen uns unausgesprochen auf übergeordnete Werte.
    D.h.: Mit welchem Recht erheben wir uns über die Ansichten anderer, was bringt uns dazu unsere Werte (z.B. Menschenleben, Würde etc) über die Werte anderer (z. B. Rassenideologien) zu setzen?
    Mit einem Ansatz, der z.B. in irgendeiner Weise utilitaristisch begründet ist (z.B. ‚der größte Nutzen für alle’), landet man ganz schnell bei Ideologien wie z.B. die der Nazis. Denn die waren ja einfach der Meinung, es bringe für alle den größten Nutzen, wenn man einer bestimmten Rassenideologie folgt und haben dies konsequent umgesetzt. Mit JEDEM Ansatz, der versucht, moralische Wertungen aus Geschichte/Kultur/etc herzuleiten, kann man bei solchen Ideologien landen.

    Der einzige mögliche Begründung für eine Moral ist, dass es absolute Werte gibt, die übergeordnet für alle Menschen gelten und potentiell von allen Menschen erkannt werden können, unabhängig von Religion und Bildung.
    Das heißt nicht, dass alle Menschen, die das Wort „Moral“ in den Mund nehmen, oder gar das Wort „Gott“, diese absoluten Werte auch erkannt haben und vertreten. Ein islamistischer Terrorist oder ein mittelalterlicher, christlicher Kreuzfahrer behaupten zwar, diese absoluten Werte zu kennen und zu vertreten, tun dies aber nicht.
    Es heißt auch nicht, dass an „Gott“ als Quelle der absoluten Werte explizit geglaubt werden muss. Es heißt aber sehr wohl, dass jeder, der z.B. die Menschenrechte als Maßstab seiner Wertung hochhält, diese unausdrücklich absolut setzt und damit unausgesprochen auf etwas Bezug nimmt, was außerhalb unserer relativen Welt steht. Das Wort „Gott“ ist nur ein anderes ‚Label’ für dieses Absolute.

  9. exblond
    Do, 27. Dez 2007 geschrieben in 19:37 | Permalink

    (haben wir letzten diskutiert hier: http://derfuchsbau.wordpress.com/2007/10/27/entarteter-meisner/#comments)

  10. Constantin
    Fr, 28. Dez 2007 geschrieben in 01:52 | Permalink

    @beer7

    Moral muss vom menschlichen Verstand abgeleitet werden und damit rational nachvollziehbar sein.

    Bei einer transzendental fundierten Argumentation (die auch nicht zwangsläufig eine willkürlich übergeordnete Autorität wie “Gott” etc. voraussetzen muss) ist diese Nachvollziehbarkeit grundsätzlich nicht gegeben. Transzendenz (sofern man von den gängigen Begriffsinhalten und Konnotationen ausgeht) umfasst diejenigen Bereiche, die sich jenseits von allem befinden, was durch menschliches Verhalten erfahrbar und/oder erfassbar sein könnte. Der Glaube an ein Jenseits ist zunächst weder gut noch schlecht. Es ist auch kein Problem, wenn ein Mensch sein Handeln im Diesseits an seine (spätere) Existenz im Jenseits ausrichtet. Problematisch wird die Transzendentalität erst, wenn dadurch Werte (mit Absolutheitsanspruch) „begründet“ werden, die Sanktionen für diesseitige Handlungen beinhalten. Damit würde der menschliche Verstand (und damit das Menschsein und menschliches Leben) ignoriert. Dadurch würde wiederum eine rationale Nachvollziehbarkeit unmöglich gemacht und menschliches Zusammenleben in einer Rechtsordnung wäre nicht mehr möglich.

    Diese Problematik lässt sich z.B. daran veranschaulichen, wenn man betrachtet, welche Religionen relativ konfliktfrei in säkularen Rechtsstaaten koexistieren können. Beim Islam und orthodoxem Marxismus (den ich dogmen-methodisch als Religion ansehe) ist die Vereinbarkeit mit einer rechtsstaatlichen Ordnung sehr problematisch, weil z.B. der orthodoxe Marxismus (grob vereinfacht) einen konfliktfreien Endzustand anstrebt (analog zum „Paradies“) und diesen im Diesseits zu realisieren versucht.

    Bezogen auf den Freitod, könnte die Frage auch formuliert werden: Kann man Rechte (hier: das Recht auf Leben und Freiheit) aufgeben? Sofern der Mensch der absolute und höchste Wert ist, lautet die Antwort Nein! Denn Leben setzt Freiheit voraus und eine moralische Rechtfertigung für einen Freitod würde dann vorliegen, wenn ein Leben in Freiheit nicht (mehr) möglich ist.

    Auf einen konkreten Fall bezogen, kann man auch die Frage stellen: Kann einverständlicher Kannibalismus moralisch gerechtfertigt sein (oder Russisches Roulette etc.)? Im Jahre 2005 hat in Deutschland der Bundesgerichtshof das Urteil gegen den “Kannibalen von Rotenburg” aufgehoben, der ein Opfer mit seinem Einverständnis getötet hatte. In der ersten Instanz wurde der Täter für einen Totschlag verurteilt. In der Hauptverhandlung im Jahre 2006 wurde der Täter zu lebenslanger Haft wegen Mordes (und Störung der Totenruhe) verurteilt. Der Bundesgerichtshof hat die Entscheidung Anfang diesen Jahres bestätigt.

    @exblond
    Ich sehe keinen grundsätzlichen Widerspruch zu meiner Haltung. Es stellt sich nur die Frage ob „Gott“ tatsächlich nur als Label herhalten muss, oder ob es eine willkürlich übergeordnete Autorität betrachtet wird. Bei letzterem ist das ein grundsätzliches Problem, wenn diese Autorität verleugnet wird. Beim „Label“ besteht das Problem darin, wenn es schlicht und einfach nicht akzeptiert wird und die Werte dann hinterfragt werden und keine rational nachvollziehbare Antwort geliefert werden kann.

    Grundsätzlich zu diesem Thema: „Gottlose“ Werte haben aber überhaupt nichts damit zu tun, ob „Gott“ (welcher auch immer) existiert oder nicht. Sofern man als Atheist davon ausgeht, dass es keinen Gott gibt, dann ist diese Erkenntnis völlig nutzlos (auch wenn sie zutreffend sein sollte). Das wird vor allem bei Christopher Hitchens deutlich (so lesenswert seine Bücher auch sein mögen) – er stellt überzeugend dar, welche „Gottesbeweise und -hinweise“ widerlegbar sind und inwiefern die Nichtexistenz „Gottes“ wahrscheinlicher ist als seine Existenz. Aber er äußert sich nicht zu den Schlussfolgerungen, die daraus zu ziehen sind. Die gleiche Nutzlosigkeit weist auch die Behauptung, von Rüttgers auf, wenn er ausführt „Werte haben immer etwas mit Religion oder mit Gott zu tun [...]“, ohne das „etwas“ konkret benennen, geschweige denn inhaltlich ausfüllen zu können.

  11. exblond
    Di, 1. Jan 2008 geschrieben in 15:17 | Permalink

    Hallo Constantin,

    Hitchens/Gott/Schlussfolgerungen: guter Gedanke, da ist was dran.
    Beim darüber-Nachdenken kam ich jetzt doch zu folgendem Unterschied, welcher praktische Konsequenzen hat:

    Grundsätzlich ist im atheistischen Konzept (1) ein Absolutsetzen von Werten nicht möglich, d.h. Werte sind immer nur relativ. D.h. Werte hängen von etwas innerweltlichem ab, z.B. von einem Zweck wie “am besten für alle” oder “am besten für den Stärksten” etc. - je nach Ideologie, Kultur usw. Es gibt in diesem Konzept keine letzten absoluten moralischen Werte, wenn man das atheistische Konzept konsequent zuende denkt (was die meisten aber nicht tun). D.h.: selbst einem Massenmörder kann in diesem Konzept nicht letztlich persönliche Schuld zugesprochen werden, da er aus seiner subjektiven Sicht heraus das (für ihn) richtige getan hat.

    Beim nicht-atheistischen Konzept hingegen gibt es absolute Werte. Du hast Recht, wenn Du sagst, dass man hier noch unterscheiden muss, ob das nicht-atheistische Konzept eine gottartige Instanz zulässt als etwas willkürlich Autoritäres (2), Schon-Erkanntes und so missbraucht werden kann für innerweltliche Konflikte, oder ob eine gottartige Instanz verstanden wird als eine zu-findende Instanz (3), etwas, um dessen Erkenntnis der Mensch unaufhörlich ringt, etwas, dessen Absolutheit er mit dem Try&Error Konzept nachbilden will (z.B. in Ideen von Gut und Böse).

    Unmmittelbar praktisch hat das atheistische und das nicht-atheistische Konzept keine Auswirkung, aber das Nachdenken darüber hat Wirkung: es bildet eine theoretische, rationale Grundlage und Rechtfertigung für das praktische Handeln. Da wir als Menschen mit der Vernunft unser Handeln (oft, nicht immer) steuern, ist das bedeutend. (3) führte zu unserer Gesellschaftsform der Demokratie und individuellen Freiheit etc, (2) kann entgleisen zu religiösem Fanatismus (z.B. Islamisten) und (1) kann entgleisen zu so etwas wie Kommunismus und (event.)Nationalsozialismus.

  12. exblond
    Di, 1. Jan 2008 geschrieben in 15:26 | Permalink

    P.S. Rüttgers fasst in Deinem Zitat Konzept (3) nur kurz und knapp zusammen. Es stimmt, was er sagt. Er wendet sich damit in keiner Weise gegen die Vernunft.

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